Du schaffst das.

Tropfen rinnen die Steinmauer hinunter. Gezimmert aus aalglatten Steinen. Ab und an dann doch ein Bauteil, das herausragt. Prädestiniert um Halt zu finden. Hinlangen. Festhalten. Hochziehen. Bäm. Der Putz bröckelt. Sturz. FUCK! Stocksauer liegt sie am Boden. Nicht schon wieder. Was soll der Scheiß?! Wie oft bin ich schon hochgeklettert?! Wie oft wieder runtergestürzt?! Jedesmal wenn ich versuche halt zu finden, zerbricht alles und ich falle. Scheiße Scheiße Scheiße! Ich hab kein Bock mehr. Hat doch alles keinen Sinn mehr.

Wir sitzen hier oben. Beobachter. “Wieso?” “Hm?” “Wieso? Schau sie an. Wie oft hat sie versagt? Wie lange probiert sie schon und versagt doch jedes mal?” Ich lächle und schüttel den Kopf. “Wie lange versagt sie und probiert es doch noch einmal?” Werf ich ihm breit grinsend zurück? “Du bist grausam” spuckt er mir angewidert ins Gesicht. “Wieso?” “Jedesmal wenn sie am Aufgeben ist und auf die sanfte Umarmung wartet, die sie alles vergessen lässt, kommst du und fachst das Feuer erneut an, nur um sie wieder versagen zu sehen.” Belustigt heb ich die Flasch an meinen Mund und entgegne: “Du siehst es nicht.” Entrüstet kommt zurück: “Ich habe die Augen, die alles durchdringen und du behauptest ich sehe etwas nicht??”  ”Du siehst was du sehen willst. Du siehst ein miserables Geschöpf, das nicht würdig ist hier oben zu sitzen. Du denkst, dass sie dort unten liegt, sei so richtig. ICH sehe eine Frau die vor dir lächelnd steht, Arme in die Hüften gestämmt, während du vor ihr im Dreck kniest. Du siehst was jetzt ist, ich sehe was sein wird. Du vertraust in dich und deine Kraft, zu unrecht. Ich glaube an sie, zu recht. Lass sie noch 2 weitere Jahre Tag für Tag die Mauer herabstürzen. Nach 2 Jahren kann sie die Mauer schneller erklimmen, als du sie mit deinen Flügeln emporfliegen kannst. Ich bewundere und Liebe sie.” Überrascht und ungläubig rümpft er seine Nase: “Du bewunderst sie? Du blickst auf sie herab!” “Von oben habe ich den Überblick. Von unten sehe ich nichts weiter als ihre Schuhe oder Unterwäsche. Was ich sehen will, sehe ich von hier Oben. Nichtmehr lange und wir beide werden hier Oben sitzen und in Anekdoten schwelgend auf die Mauer blickend sitzen. Ich vertraue ihr Blind.” Kopfschütteln. “Du bist verrückt.” “Ich weiß. Sonst wäre das alles hier nicht möglich.” erwidere ich, und stürze mich hinab um ihr ein weiteres mal aufzuhelfen.

~ von strassenphilosophie am 20. November 2011.

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